Recht und Gesetz sind in länderspezifisch

Traditionen, geschichtliche Ereignisse wie Fremdherrschaft oder Befreiungskämpfe, geistige und religiöse Entwicklungen und vieles mehr bilden lokal unterschiedliche Basis für die Rechtsentwicklung in einzelnen Ländern. Deshalb unterscheiden sich die gesetzlichen Situationen in verschiedenen Ländern, selbst wenn sie benachbart sind, oft erheblich. Die Betrachtung der rechtlichen Einordnung der Nacktheit muss daher länderspezifisch erfolgen.

 

Einleitung am Beispiel des Deutschen Ordnungswidrigkeiten-Rechts

Um einen ersten Eindruck von typischen Überlegungen zum Thema zu bekommen, folgen hier zur Einleitung ein paar erste Gedanken zur Situation in Deutschland.

 

Warum Nacktwandern keine Ordnungswidrigkeit ist

Die zunehmende Beliebtheit des Nacktwanderns führt des öfteren dazu, dass uninformierte Bürger sich an Polizei oder Ordnungsbehörden wenden um zu fragen, ob Nacktwandern überhaupt erlaubt sei. Allerdings geben auch Ordnungsämter oder Polizeisprecher häufig die falsche Auskunft "Wenn sich jemand belästigt fühlt, schreiten wir ein!".

Die rechtliche Grundlage zum "Einschreiten" kann nur im Ordnungswidrigkeiten-Gesetz § 118 gefunden werden: "Ordnungswidrig handelt, wer eine grob ungehörige Handlung vornimmt, die geeignet ist, die Allgemeinheit zu belästigen oder zu gefährden und die öffentliche Ordnung zu beeinträchtigen."

Einschreiten können Ordnungsamt oder Polizei also nur dann, wenn alle drei Voraussetzungen erfüllt sind:

1. Jemand nimmt eine grob ungehörige Handlung vor.

2. Mit der Handlung kann die Allgemeinheit gefährdet oder belästigt werden.

3. Mit der Handlung kann die öffentliche Ordnung beeinträchtigt werden.

 

Ist Nacktwandern eine grob ungehörige Handlung?

Die Handlung des Nacktwanderers ist das Wandern. Wandern ist sicher nicht ungehörig. Also kann eine Ungehörigkeit nur in dem Umstand begründet sein, dass man nackt wandert. Nackt zu sein ist ein Zustand und keine Handlung, aber Juristen pflegen gelegentlich auch einen Zustand als Handlung zu begreifen. Um weiter zu kommen, begreifen wir jetzt also juristisch den Zustand der Nacktheit als die Handlung, nackt zu sein.

Zur Nacktheit hat etwa die Katholische Kirche in dem aktuellen Fundamentalwerk zur katholischen Sozialethik, "Liebe und Verantwortung" von Karol Wojtila, bekannter als Papst Johannes Paul II., festgelegt: "Weil Gott ihn geschaffen hat, kann der menschliche Körper nackt und unbedeckt bleiben und bewahrt unberührt seinen Glanz und seine Schönheit." Wo die Kirche von Glanz und Schönheit spricht, kann die auf christlichen Werten aufbauende, bundesdeutsche Gesellschaft nicht auf grobe Ungehörigkeit erkennen, nicht einmal auf einfache Ungehörigkeit!

Weiter führt die Katholische Kirche zur Nacktheit aus: "Unanständigkeit ist nur gegeben, wenn Nacktheit eine negative Rolle in Hinsicht auf den Wert einer Person spielt." Naturisten nehmen alle Rücksicht auf Mensch und Natur. Sie respektieren jeden Menschen in seiner persönlichen Individualität und werden den Wert eines Menschen niemals an einer körperlichen Eigenschaft oder daran messen, ob und welche Kleidung er trägt. Die Nacktheit eines Naturisten ist im Sinne christlicher Normen also in keiner Weise abwertend, daher auch nicht unanständig.

 

Die katholische Kirche stellt also fest, dass naturistische Nacktheit nicht unanständig ist. Der Ausdruck "grob ungehörig" im OWiG ist aus sprachlicher Sicht eine Verschärfung des Begriffs "ungehörig", dies wiederum eine Verschärfung des Wortes "unanständig". Demnach kann Nacktheit, da sie (laut katholischer Sozialethik) nicht einmal unanständig ist, erst recht nicht ungehörig oder gar grob ungehörig sein. Folglich kann sie auch keine Ordnungswidrigkeit darstellen.

 

Kann durch Nacktwandern die Allgemeinheit gefährdet oder belästigt werden?

Kann Nacktwandern überhaupt eine Gefährdung für irgend jemand sein? Das hängt sicher vom Ort des Geschehens ab. Wenn sich Nacktwanderer auf einem verkehrsreichen Platz aufhalten, kann eine Gefährdung (für einzelne, nicht für die Allgemeinheit) darin bestehen, dass Fahrzeuglenker in ihrer Aufmerksamkeit für den Straßenverkehr abgelenkt werden. Die Schuld an ggf. eintretenden Unfällen liegt zwar dennoch beim unaufmerksamen Fahrzeuglenker, aber der Naturist könnte zu einer Gefährdung beigetragen haben.

Die menschliche Anatomie sollte für niemanden ein Geheimnis sein. Gefährlich, diese Anatomie kennen zu lernen, ist es auch nicht, selbst wenn es jemanden geben sollte, der sie noch nicht kennt. Kinder, die oft von anfragenden Bürgern als Grund für ihre Sorge genannt werden, müssen sie sogar lernen, spätestens im Kindergarten oder in der Schule.

Der britische Philosoph, Mathematiker und Pädagoge Bertrand Russell, einer der größten Geister des 20. Jhdts., kam zu der Erkenntnis: "Solange Kinder nicht auch bisweilen erwachsene Menschen nackt sehen dürfen, müssen die Kinder zwangsläufig das Gefühl haben, dass da ein Geheimnis ist, und wenn sie dieses Gefühl haben, werden sie aufgereizt und unanständig." Eine Gefahr für Kinder, aufgereizt und unanständig zu werden, besteht also genau dann, wenn ihnen das nackte Erscheinungsbild von Menschen vorenthalten wird.

Aber natürlich haben Eltern das Sorgerecht für ihre Kinder und können bestimmen, ob, wann und in welcher Form sie ihren Kindern die menschliche Anatomie lehren. Deshalb geht aber trotzdem vom Anblick eines nackten Menschen keine Gefahr aus, denn auf ggf. aufkommende Fragen von Kindern sollten Erwachsene leicht Antworten finden.

 

Welche Gesetze haben überhaupt Nacktheit zum Gegenstand?

In anderen Ländern gibt gar kein Ordnungswidrigkeiten-Gesetz, oder die dortigen die Gesetze verwenden andere Vokabeln. Deshalb werden die weiteren Überlegungen detailliert aufgeteilt nach Ländern und den jeweiligen, dortigen Gesetzes-Gebilden angestellt.

 

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